One Billion Rising 2016: Unsere Rede zu Netzfeminismus

An „One Billion Rising“ in Aachen haben wir Aandersfunkende tatkräftig mitgewirkt, mitgetanzt und auch eine Rede zum Thema „Netzfeminismus“ gehalten, die auf der Veranstaltung breite Zustimmung fand. Wir veröffentlichen sie hier vollständig.


Das Internet hat sich in den letzten Jahrzehnten zum wichtigsten Kommunikationsmedium der Welt entwickelt. Eine Unterscheidung zwischen dem „echten“ Leben und dem Leben im Netz gibt es spätestens seit der massenhaften Verbreitung von Smartphones nicht mehr, besonders bei jungen Menschen wie uns. Dennoch birgt es ganz eigene Chancen für – und Herausforderungen an – feministisches Engagement, was gerne unter dem Stichwort „Netzfeminismus“ zusammengefasst wird.

Das Netz hatte immer schon einen emanzipativen Charakter. Online-Platformen erlaubten es Angehörigen von gesellschaftlichen Minderheiten erstmals in der Geschichte der Menschheit, sich selbst dann über die von ihnen spezifisch erlebten Diskriminierungen auszutauschen, wenn ihnen keine weiteren Betroffenen im persönlichen Umfeld bekannt waren. Plötzlich war es auch dörflich lebenden queeren Menschen möglich, sich nicht mehr vollkommen alleine zu fühlen. Heutzutage machen es Webdienste wie Twitter, Facebook, Instagram oder Tumblr sehr leicht, Gleichgesinnte zu finden und sich mit diesen zu vernetzen. Sogar über Landesgrenzen hinweg bauen sich Communities auf, die einander unterstützen können – sowohl durch Ratschläge und verbale Unterstützung, als auch beispielsweise in Notlagen ganz konkret finanziell.

Die Power dieser Communities haben wir in Deutschland beispielsweise bei der #Aufschrei-Debatte sehen können. In den Medien weitgehend unbekannte Menschen werden plötzlich gehört, ihre persönlichen Erfahrungen zu etwas Wertvollem. Die Diskriminierungserfahrungen Einzelner können nicht mehr so einfach als persönliches Pech beiseite gewischt werden, wenn Zehntausende zeitgleich von ganz ähnlichen Ereignissen in ihrem Leben berichten. Das Internet gibt Opfern von Gewalt eine Stimme und ermöglicht es jeder von uns, ihnen zuzuhören und von ihnen zu lernen. Und nicht nur für die „anderen“, sondern auch für Feminist*innen ist das zuhören wichtig: als weiße Feminist*in kann eins beispielsweise viel von Frauen of Color lernen, eine trans Person kann cis Personen viel beibringen. Andere Lebensrealitäten als die eigene akzeptieren, mitdenken und Menschen für sich selbst sprechen lassen statt in ihrem Namen zu sprechen, ist eine emanzipatorische Leistung – die wir gerade bei One Billion Rising im Hinterkopf behalten müssen.

Doch das Internet hat auch seine Schattenseiten. Die Freiheit vor Konsequenzen, die das Internet vielenorts bietet, führt bisweilen zu einem rauen Umgangston. Hasskommentare sind keine Ausnahme, sondern werden von anti-emanzipatorischen Bewegungen bewusst eingesetzt, um Feminist*innen mundtot zu machen. Persönliche Angriffe und abwertende Bemerkungen haben Auswirkungen auf die Betroffenen sowohl online als auch offline.

Diese Erfahrung mussten wir auch als Betreiber des Blogs „Aandersfunk“ machen.  In unserem Blog berichten wir über aktuelle feministische Themen mit regionalem Bezug. Unter den Artikeln gibt es eine Kommentarfunktion – die zu unserem Leidwesen in vielen Fällen nicht für inhaltliche Diskussion oder konstruktive Kritik genutzt wird, sondern für Schmähungen und Allgemeinplätze. Auch im „Maschboard“ – dem Aachener Online-Forum für Maschinenbau – wurden unsere Artikel teilweise tief unterhalb der Gürtellinie diskutiert. Das kann entmutigend sein, ist aber leider eine völlig normale Realität für feministische Internetprojekte, wie in viel größerem Maße Internetgrößen wie Laurie Penny oder Anne Wizorek erfahren müssen.

Wäre das Verhalten mancher antifeministischer Twitter-Nutzer auch offline Realität, würden diese Menschen unsere halböffentlichen Gespräch im Bus unterbrechen, uns anschreien oder und mit Schimpfwörtern belegen, die viele Menschen ihren Kindern nicht beibringen. Wenn jemand wie jetzt an diesem Tag eine mühevoll geschriebene Rede zu einem feministischen Thema vorträgt, würde die Redner*in von andauernden Zwischenrufen gestört und von einzelnen Androhungen von Mord und Vergewaltigung erhalten.

Diese Bedrohungslage fühlt sich nicht weniger schlimm an, weil die Worte „nur“ jemand in die Tastatur getippt hat. Im Gegenteil: das hat ein Mensch geschrieben, der sich oft nicht einmal mit seinem Gesicht zu erkennen gibt. Online-Missbrauch wird aber von der Polizei so gut wie gar nicht verfolgt, selbst wenn die Täter*innen nicht unter einem Pseudonym, sondern z.B. auf Facebook unter ihrem echten Namen agieren – weil die Gefahr gering eingeschätzt wird, das auf die Worte auch entsprechende Taten folgen. Der psychische Schaden beim Opfer ist aber bereits passiert. Das ist kein Spiel, sondern real. Hier werden Menschen – vor allem Frauen, Personen of Color und andere gesellschaftliche Minderheiten – systematisch kaputt gemacht.

Die meisten Männer (aber auch viel zu viele Frauen) im Netz spielen dieses Verhalten herunter: man müsse sich eben ein dickeres Fell zulegen oder solle soziale Netzwerke eben nicht mehr nutzen. Das ist aber gar keine Option, denn bei nicht wenigen (gerade jungen) Menschen hängt die berufliche Existenz an der Nutzung dieser Medien und auch sonst hängt das eigene soziale Leben oftmals an der Nutzung der Netzwerke. Der Zugang zu diesen Medien muss möglich sein, ohne Gewalt ausgesetzt zu werden.

Neben einer größeren Zivilcourage auch im Netz fordern wir die Platformbetreiber auf, deutlich mehr zu tun, um Nutzer*innen gegen Belästigungen und Missbrauch im Netz zu schützen. Das Internet ist voll mit Screenshots von zutiefst hasserfüllten Facebook-Postings, beispielsweise der Menschenfeinde von PEGIDA & Co., bei denen Facebook „keinen Verstoß“ gefunden haben will – das ist ein schlechter Witz. Die großen Internetkonzerne fahren Millionengewinne ein und müssen daher auch verpflichtet werden, Hasskommentare effektiv herauszufiltern. Sie müssen viel mehr und besser geschultes Personal einstellen, um diese Beiträge zu entfernen und verstoßende Nutzer zu sperren. Hasskommentare sind keine schützenswerten Meinungsäußerungen, sondern treffen echte Menschen und verletzen diese. Ein freies Internet kann es nur geben, wenn gesellschaftliche Minderheiten sich dort ohne Angst vor Gewalt und Hass äußern können – sorgen wir dafür, dass endlich etwas passiert!

 

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