Köln: Und um Mitternacht der große Knall

Beschimpfungen, sexuelle Belästigungen, Vergewaltigungen: Seit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht ist eine Diskussion entflammt. Über Diskriminierung, über rechte Hetze, über Integration – doch vor allen Dingen über das Thema Gewalt an Frauen. Dreiviertel aller Frauen im Erwachsenenalter haben bereits sexuelle Belästigung erleben müssen. Das passiert auf der Arbeit, im Club oder eben an öffentlichen Plätzen wie dem Kölner Hauptbahnhof. Was neu an einer leider alten Geschichte ist, ist der Eindruck von Organisiertheit, mit der hier laut Aussage der Kölner Polizei Scharen von Männern vorgegangen sein sollen. Frauen sollen bestohlen, beschimpft und begrabscht worden sein. Es gibt sogar Angaben zu zwei Vergewaltigungen. Augenzeugen sprechen laut Spiegel von einem Spießrutenlauf, den Frauen durch alkoholisierte Männermassen durchlaufen hätten. Ein Erlebnis, das für viele Frauen auch lange nach dem 31.12.2015 bleibende Erinnerungen hinterlassen wird.

Das Ausmaß der Abscheulichkeit dieser Nacht wurde in den vergangenen Tagen erst nach und nach deutlich. Mittlerweile sollen über 120 Anzeigen bei der Polizei eingegangen sein, dreiviertel davon wegen sexueller Übergriffe. In den Medien und den sozialen Netzwerken überschlagen sich Berichte und Meinungskundgaben zu den Silvesterereignissen. Groß ist die Sorge um die Sicherheit der deutschen Frauen. Die Täter, deren Anzahl je nach Medienbericht zwischen 20 und 60 schwankt (wogegen die Meldung von 1000 Tätern häufig abgedruckt und ebenso aus der Luft gegriffen ist), sollen nordafrikanischer Herkunft gewesen sein. Oder muslimischer (wie auch immer man Menschen ihre Religion ansieht). Auf jeden Fall „die anderen“. Darüber weiß gerade so genau wohl niemand Bescheid. Fest aber steht, dass es eben die Herkunft der Täter ist, die die öffentliche Diskussion über sexualisierte Gewalt wie ein Katalysator beschleunigt.

Es ist natürlich wunderbar, dass das Thema Gewalt gegen Frauen gerade breit in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Das ist immer noch wichtig und immer noch notwendig. Jedes Jahr gehen bei der Polizei zwischen 7000 und 8000 Anzeigen wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung ein. 40% aller Frauen in Deutschland sind bereits körperlich mit sexuellen Übergriffen konfrontiert worden. Fast jede Frau kennt Pöbeleien und Beschimpfungen.

Als vor drei Jahren die Feministinnen Nicole von Horst und Anne Wizorek den #aufschrei ins Leben riefen und viele Frauen sich mit eben solchen Erfahrungen zu Wort meldeten, rief dies jedoch eine Welle der Empörung hervor. „Frauen können sich ja aus­suchen, ob das jetzt Belästigung oder Flirt ist“, „Man wird doch noch was Nettes über einen Busen sagen dürfen“. Solche und andere Kommentare schwirrten durch das Netz. Eben diese Menschen ereifern sich nun am Lautesten über die Übergriffe auf die Frauen in Köln. Anscheinend kann man einfacher über ein gesellschaftliches Problem sprechen, wenn man sich selbst nicht angeklagt fühlt. Wie bequem, dass es diesmal irgendwelche „anderen“ sind, Menschen die von deutschen Wutbürger*innen als nicht-deutsch verortet werden, denen das Vergehen der sexuellen Belästigung zum Vorwurf gemacht wird.

Zugleich ruft dies den Verdacht hervor, dass es in dieser Diskussion um die Sicherheit der Frauen gar nicht um die selbigen geht. Vielmehr scheint die ‚hilflose deutsche Frau‘ in diesem Diskurs madonnengleich zu einem Objekt zu werden, das instrumentalisiert wird, um gegen Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund zu hetzen. Pegida & friends nutzen die Gunst der Stunde und rufen am kommenden Samstag zur Demo in Köln am Hauptbahnhof auf. „Gegen den Missbrauch unserer Frauen als Freiwild“. Dass die Frauen, die in der Silvesternacht in Köln belästigt wurden, Pegida gehören, ist ebenso fraglich wie eine ernstgemeinte Sorge um das Selbstbestimmungsrecht der Frau, das in dieser Nacht verletzt wurde.

Wenn nun über fehlgeschlagene Integration gesprochen wird, weil es diesmal eine Gruppe Männer of Color war, die Frauen gegenüber übergriffig geworden ist, ist das einfach nur pure Blindheit gegenüber der eigenen Vergewaltigungskultur. Eine Kultur der Gleichberechtigung nur vermittelt werden kann, wenn sie hier auch glaubhaft gelebt wird. Die Vergewaltigungsstatistiken von „deutschen“ Kulturveranstaltungen wie dem Münchner Oktoberfest sprechen eine deutlich andere Sprache. Diese werden von Deutschen einfach hingenommen, ebenso wie die Belästigungen und Grabschereien beim Kölner Karneval.

Solange das Feedback auf ein Ereignis wie das in Köln die Instrumentalisierung von Frauen in Flüchtlingsdiskussionen oder eine Bürgermeisterin ist, die den Frauen zu einer „Armlänge Abstand“ von Männern rät (eine deutliche Vertauschung von Verantwortung zwischen Tätern und Opfern), leben wir nicht in einer Gesellschaft, in der Frauen als gleichberechtige Subjekte angesehen werden. Mit einer solchen Reaktion auf sexuelle Gewalt an Frauen befeuern diese Menschen selbst eine Vergewaltigungskultur, in der Frauen als Objekte gesehen werden. Bei diesem Thema den Tätern gegenüber keine Toleranz zu zeigen, ist ebenso wichtig wie selber an einer Gesellschaft der Gleichberechtigung zu arbeiten, in der Frauen nicht für rassistische Hetze benutzt werden.


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Ein Kommentar zu “Köln: Und um Mitternacht der große Knall

  1. die männer dürfen das – frauen sind nie sicher:
    wie viele deutsche männer nehmen denn die frauen in deutschland als wirklich gleichwertig und gleichberechtigt wahr, so wie es im grundgesetz steht?
    frauen und männer sind strukturell auch in deutschland nicht gleichberechtigt, auch wenn es auf dem papier so aussieht. daran wird sich nichts ändern, solange die frauen nicht wieder anfangen, sich für ihre rechte einzusetzen. wieder ist mehr mehr feminismus in deutschland nötig, in den köpfen, im individuellen handeln, in zwischenmenschlicher, beruflicher und politischer hinsicht.
    die frauenfeindliche position des islam ist für mich genauso unerträglich wie die haltung der katholischen kirche zur gleichberechtigung der frauen. welche moderne frau mit bildung und gesunder persönlichkeit findet es (nach etwa 100 jahren frauenemanzipation) noch in ordnung, an eine institution kirchensteuer zu zahlen, die frauen diskriminiert?… [link entfernt]

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