Wie sexistisch ist ein Spaziergang durch Aachen?

Außenwerbung trifft jede*n. Uns hier in Aachen, wie Menschen in allen anderen Städten. Selbst Kinder können nicht davor geschützt werden. Selten nehmen wir bewusst wahr, wie Geschlechterrollen hier gezeigt werden. Wir haben uns für euch in Aachen umgeschaut.

„Warum hat die Frau keinen Kopf?“ Ein kleines Mädchen guckt verdutzt auf das Plakat, das auf Kinderkopfhöhe in der Milchstraße hängt. Da ist eine Frau, die mit offener Hose und halb ausgezogenem Shirt sexuelle Verfügbarkeit darstellt und so für den Club Freiraum wirbt. Ihr einziger Zweck ist dekorative Sexyness: Blickfangwerbung.

Auch Mobau betreibt in Aachen Blickfangwerbung. Was zum Teufel hat eine halb nackte Frau und der Spruch „Mit allen Sinnen (er)leben…“ mit Baustoffen zu tun? Und die meterhohe Plakatwand ala „Ich geh zu meiner Nr.1 in der Region“ hat sich uns in Zusammenhang mit dem Bild auch noch nicht erschlossen.

Besonders schlimm finden wir die Blickfangwerbung auf den Einkaufstüten des Modellbauladens Hünerbein von Roco: Die nackte Frau ist hier nicht nur fehl am Platze, sie wird durch den Werbespruch „It’s a Man’s World“ noch zusätzlich auf ihre Funktion als Spielzeug und damit Sexobjekt für den Mann reduziert. Offener lässt sich Misogynie wohl kaum formulieren.

Tüte Modellbauladen am MarktSelbst wenn nicht alle Bilder direkt so respektos betitelt sind, wie diese Tüte: Überall blickt uns die weiße, gesunde, schlanke, heterosexuelle immer willige Frau entgegen. So häufig, dass wir sie als natürlichen Maßstab empfinden. Aber spiegelt das die Frauen aus unserem Alltag wieder? Wer ist denn wirklich so? Die große Diskrepanz zwischen den Darstellungen und der Realität führt unter anderem dazu, dass vor allem junge Mädchen immer weniger zufrieden mit ihrem Äußeren sind und die Anzahl an Essstörungen steigt, wie aktuelle und etwas ältere Studien [1,2] zeigen. Dass auch Männer immer einheitlicher und körperbezogener dargestellt werden, äußert sich auch in steigenden Esstörungsaufkommen bei Jungen (jedoch in deutlich geringerem Maße).

So gut wie nie sind Women of Color zu sehen, also nicht-weiße Frauen. Wenn, dann stehen sie als exotische Bildelemente irgendwo im Hintergrund herum, als eine Art Mode-Accessoire. Diese Frauen werden dadurch doppelt diskriminiert: Sie finden noch weniger positive Vorbilder.

2015-08-22 14.35.34

Sexistische Werbung hat nicht nur Einfluss darauf, wie wir uns und unsere Körper wahrnehmen – sexistische Werbung präsentiert auch mögliche Verhaltens- und Rollenmuster, die uns prägen und an denen wir uns orientieren. Manchmal ist sie platt und klischeehaft, meistens so unauffällig, dass wir sie nicht sofort sehen, weil sie Teil unseres Alltags ist. Werbung, in der Frauen von Männern angefasst, hochgehoben, ins Wasser geworfen werden, niemals umgekehrt. Frauen werden ständig als schwach und gleichzeitig vom Mann abhängig gezeigt. Wir sehen sie nicht als Macher*innen, als aktive Menschen. Sie will ihm gefallen, muss ihm gefallen. Mehr nicht. All das hat Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung von Menschen – sowohl Frauen als auch Männern!

Interessant fanden wir den Unterschied zwischen der Werbung in Schaufenstern von Apotheken und Parfümerien. Apotheken werben in Aachen mit vielfältigen Menschen, die unterschiedliche Berufe haben, Aktivitäten ausführen oder alternative Familienkonzepte leben und zeigen dadurch, dass dies gut möglich ist, diskriminierungsfrei zu werben. Pafümerien hingegen fokussieren sich systematisch auf halbnackte, laszive Frauenkörper. Das muss doch nicht sein!?! Da bekommt man ja teilweise sogar die gleichen Produkte.

Wir wollen hier nicht falsch verstanden werden: Gegen nackte Körper generell haben wir gar nichts. Unterwäsche wird nunmal auf der Haut getragen und darf auch so beworben werden. Aber nicht so, wie bei SinnLeffers (links): „Kennt man eine, will man alle?“ Dieser Spruch schafft eine Analogie zwischen den Frauen und ihren Pantys und könnte nicht objektifizierender sein! La Chemisette (mitte) macht vor, wie’s besser geht. Werden alle Geschlechter gleichermaßen (und nicht in erniedrigender Form) dargestellt, wird dagegen niemand benachteiligt. Das findet übrigens auch Laurie Penny. Die Organisation Pink Stinks hat ein Beispiel für alternative Unterwäschewerbung entworfen, das wir sehr untestützenswert finden (rechts). Sie kämpft für einen Gesetzesentwurf gegen Sexismus in der Werbung.

Bilder schaffen Realität. Medien schaffen Realität. Die Zahlen und Fakten dazu sind schon lange bekannt, doch das Problem ist, dass wir als Gesellschaft daran vorbeischauen und leben. Wir können nicht länger wegschauen. Frauen sind nicht zum Vergnügen von Männern hier. Frauen handeln jeden Tag, machen und gestalten – egal ob sie trans oder cis, dünn oder dick, of colour oder weiß, lesbisch, bi oder hetero sind. Und das soll auch so wiedergespiegelt werden. Sie auf eine einzige Funktion, sex sells, zu reduzieren ist respektlos. Das ist Sexismus.

Nicht wenige der sexistischen Werbungen in Aachen hängen auf offiziellen Werbeflächen der Stadt Aachen. Wir wundern uns, dass die Stadt, die eigentlich Gender Mainstreaming beachten sollte, so etwas zulässt. In diesem Rahmen stellt die ASF (Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen Aachen) die Forderung, dass die Präsentation von diskriminierender, frauenfeindlicher und sexistischer Außenwerbung auf stadteigenen Flächen in Zukunft abgelehnt wird. „Werbung, die in Wort oder Bild Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung herabwürdigt, weisen wir zurück.“ Richtig so! – finden wir und unterstützen diese Forderung von ganzem Herzen.

Dich stört es auch, dass Kinder Bilder verzerrter Geschlechterrollen sehen müssen, dass die Mädchen zu Prinzessinen und Jungen zu Astronauten gemacht werden, dass Frauenkörper sexualisiert, herabgewürdigt und objektiviziert werden, das Menschen nicht in all iher Vielfältigkeit gezeigt werden? Wenn du dich jetzt fragst, wie du dagegen aktiv werden kannst, dann haben wir für dich zwei Antworten:

  1. Unterschreibe die Petition von Pink Stinks
  2. Beschwere dich beim deutschen Werberat, wenn du sexistische Werbung siehst

Für diesen Artikel haben wir beim PinkStinks Blog und bei der Rede von Kathy Meßmer und Julia Schramm für die Demo gegen Sexismus in der Werbung die eine oder ande Formulierung abgeguckt 😉 Alle Bilder von der Außenwerbung wurden von uns in Aachen (überwiegend in den letzten Wochen) gemacht (mit Ausnahme der PinkStinks Werbung).

Referenzen:

[1] HBSC Team Deutschland (2011). Studie Health Behaviour in School aged Children Faktenblatt „Körperbild und Diätverhalten von Kindern und Jugendlichen”. Bielefeld: WHO Collaborating Centre for Child and Adolescent Health Promotion.

[2] Kreikebaum, S.P. (1999). Körperbild, Körperzufriedenheit, Diätverhalten und Selbstwert bei Mädchen und Jungen im Alter von sieben bis dreizehn Jahren: Eine interkulturelle Vergleichsstudie (USA – D) und Längsschnittuntersuchung (D)



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3 Kommentare zu “Wie sexistisch ist ein Spaziergang durch Aachen?

  1. Also ich finde es eigentlich gar nicht so schlecht, wenn ich bei meinem Spaziergang durch Aachen ein paar schöne Frauen auf Plakaten sehen kann. Dass auf dem einen Bild kein Kopf abgebildet ist, ist zwar schade, aber da kann man nichts machen, er hat halt nicht mehr drauf gepasst.
    Und dass Mädchen/Frauen sich in der Regel nicht so sehr mit Technik auskennen und sich meisten auch nicht dafür interessieren, sollte ja mittlerweile auch nichts Neues mehr sein. Ich finde die Werbung mit dem Astronaut in Ordnung.

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    • Ich habe ein bisschen damit gehadert, ob ich deinen Kommentar freischalten soll, weil er so platt und dumm sexistisch ist. Ich mach’s aber, weil du damit perfekt demonstrierst, wo das Problem liegt:

      1. Dir ist es egal, ob Frauen herabgewürdigt und objektifiziert werden – Hauptsache, du kannst sie beglotzen. Bravo, du bist Sexist!
      2. „Der Kopf hat nicht mehr drauf gepasst“, seriously? Werbeagenturen wissen genau, was sie darstellen wollen. Selbst wenn man sich aber auf deine seltsame Interpretation der Welt einlässt, hinterfragst du dann offenbar nicht, warum ausgerechnet der Bildausschnitt ohne Kopf gewählt wurde. Alternativ hätte man ja den Kopf zeigen und die Hotpants abschneiden können. Du bist also offenbar überzeugt, dass es wichtiger ist die knappe Kleidung einer Frau darzustellen als ihr Gesicht. Bravo, du bist Sexist!
      3. „Frauen kennen sich nicht so gut mit Technik aus“ ist ebenfalls ein sexistisches Klischee, ungefähr auf der Ebene von „Frauen können nicht einparken“ – Mario Barth hat angerufen, er hätte gerne seine schlechten Witze zurück. 😉 Frauen können Technik genau so gut wie Männer. Ihnen wird aber durch eine Atmosphäre (z.B. in der Informatik), die Männer als Standard und Frauen als sonderbar ansieht und ihnen andauernd ihre Kompetenz abspricht das ganze Unterfangen deutlich schwieriger gemacht. Mit strunzblöden Kommentaren wie deinem leistest du dazu einen Beitrag. Bravo, du bist Sexist!

      Du gehst auf überhaupt nichts, was im Artikel genannt wird, ein. Auf kein einziges Argument. Du entscheidest dich einfach dazu, ihn zu ignorieren und deine Meinung hinzurotzen. Kannste schon machen, aber glaub nicht, dass wir dich dabei nicht volle Kanne auflaufen lassen. 😉

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