Es fehlt uns an Frauen?!

Eine Replik zu „Rechnet nicht mit Liebe!“ aus der Zeit vom 10.07.15

In der Zeit hat Henning Sussebach einen Artikel über das Uni-Leben an der RWTH Aachen veröffentlicht. Er hat über die Studierenden in Aachen nichts Interessantes zu berichten. Nur, dass sie fast ausschließlich Männer sind, nämlich die bemitleidenswerten Nerds, die Helden von Heute, die aber leider niemals eine Frau abkriegen. Und vernachlässigt dadurch das größte Problem, dass der Frauenmangel an der RWTH mit sich bringt. 

Sussebach will wissen, was eine Quote von 1:7 zwischen Frauen und Männern unter den circa 10000 Studierenden im Maschinenwesen bedeutet. Er beschriebt Aachen als die Real-Live Version der Serie Big-Bang-Theorie. Und zwar mit der Klischeekeule. Jaja, die armen Nerds.

Mann solle doch mal zum Jazzdance gehen, statt zu den typischen Männersportarten. In dem Kurs könne man als Elektrotechniker eine Medizinerin kennenlernen. Ich bin in diesem Jazzdancekurs. Wir sind dort jede Menge taffe, coole und kluge Maschinenbauerinnen, Elektrotechnikerinnen und Naturwissenschaftlerinnen. Uns gibt es nämlich auch zu Hauf an dieser Uni! Aber wir finden ja in diesem Artikel nur als unliebenswerte Freaks statt, die sich ein Date auf der CEBIT erträumen und auf ihr Attraktivitätslevel beschränkt werden.

Das Problem für den Mann im Frauensportkurs ist ein ganz anderes: Letztes Jahr fand sich ein einziger Mann in der ersten Stunde meines Contemporary Dance Kurses. Der Kurs heißt Anfänger-Kurs, aber eigentlich  sind hier wenige wirklich Anfängerinnen. Schließlich hat fast jede in der Jugend Unterricht in Ballett, Jazz Dance oder rhythmischer Sportgymnastik gehabt. Die meisten von uns gehorchten auf “Plie”, “Pas de bourrée” und “Arme in die dritte Position”; berührten beim Stretching die Beine mit der Brust und hielten unsere Finger in eleganter Position. Die Mädels, die das nicht konnten, tummelten sich unbemerkt in der letzten Reihe. Der Typ in unserem Kurs hatte es nicht so leicht. Allein weil er anders war, zog er unsere Blicke auf sich. Deshalb sahen auch alle, wie er sich ungelenk abmühte. Es war ihm sichtlich unangenehm. Er tat mir leid, weil ich ja wusste, was für einen Vorsprung an Erfahrung wir hatten. Ich finde Männer, die tanzen können, ungemein cool und hätte ihn gerne unterstützt, in dem, was er da tat. Aber alles, was ich dann tatsächlich zustande brachte, während ich darüber nachgrübelte, war: Ihn anzustarren. Und nach diesen angespannten Versuchen im Rampenlicht sahen wir ihn in dem Kurs nie wieder, obwohl er vielleicht Talent gehabt hätte.

Doch für viele Studierende ist der Alltag  an der RWTH durch den Mangel an Frauen viel schwieriger und bezieht sich nicht (nur) auf das Sportangebot. Und zwar erfahren viele Studentinnen die Abgrenzung, die unser männlicher Kursteilnehmer erfahren hat, vorallem fachlich: In Vorlesungen, Uebungen und in Lerngruppen. Sie haben genauso viel auf dem Kasten wie ihre männlichen Kollegen, aber werden nicht genauso wahrgenommen. Schade, dass diese Studentinnen in diesem Artikel gar nicht vorkommen.

Ich erinnere mich genau an meine ersten Vorlesungen in Höherer Mathematik. Klar, wenn jemand vor der Bühne entlanglief gab es ein paar Pfiffe. Wenn dieser jemand aber weiblich war, entstand ein Pfeifkonzert. Studierende von anderen Unis können sich das kaum vorstellen. So viel dazu, dass  “der Maschinenbauer” “in Aachen kaum Probleme macht”. Für manche ist das Pfeifen nur eine Form von sexueller Belästigung.

Im Rahmen einer online Umfrage wurden 2010 die Studentinnen an der RWTH zu ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung befragt. 1.823 Studentinnen riefen den Fragebogen auf, 1.601 (fast 88%) schlossen den Fragebogen ab, 164 schrieben zudem zumeist ausführliche Kommentare. Nur 34,2% der Befragten gaben explizit an, sich noch nie persönlich sexuell bedrängt oder belästigt gefühlt zu haben! 40,1 % der Fälle gingen von Kommiliton*innen aus. 40% der Fälle, die von den Studentinnen als besonders belastend wahrgenommen werden geschehen im ersten Studienjahr. Frau lernt auf diese Weise sehr schnell nicht zu spät zu kommen, sich das auf Toilette gehen zu verkneifen; oderer im Zweifel gar nicht mehr zu kommen. Denn ja, 100 Frauen unter 1000 fallen tatsächlich mehr auf. Sie stehen in einem ständigen Rampenlicht, ähnlich wie der Tänzer in meinem Kurs.

Doch hier geht es nicht um eine elegante Freizeit Pirouette. Hier geht es um ihre Zukunft. Und sie sind darauf angewiesen in diesem Hörsaal ihre Freunde, ihre Lerngruppe zu finden. Doch von allem, von dem, was sie tun, wird Notiz genommen und bei der Bewertung ihres Verhaltens wird ihre Weiblichkeit oft in den Vordergrund gestellt.

Die gute Nachricht: Eine männliche Überbevölkerung in technischen Fächern ist keinesfalls naturgegeben! In reinen Mädchenschulen entwickeln Mädchen zu gleichen Anteilen Interesse für die MINT-Fächer, wie Männer in allen Umgebungen. Doch erinnert man eine Frau oder ein Mädchen auch nur auf die subtilste Art und Weise daran, dass sie eine Frau ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Fähigkeiten anschließend mathematische Aufgaben zu lösen gehemmt sind, sehr hoch.[1] Auch, wenn sie überzeugt ist (bzw. meint überzeugt zu sein), dass es keinen Geschlechterbedingten Unterschied in den Lösungsfähigkeiten geben dürfte.

Artikel, wie der von Henning Sussebach sind kein Symptom. Sie sind Teil des Problems. Denn er reproduziert das Klischee des männlichen Nerds, der ein heimlicher Held ist. Die Ingenieurin findet ihren Platz nur als peinlicher und unattraktiver Nebencharakter. Allgemein wird die Frau als Geisteswissenschaftlerin und Medizinerin vorgestellt. Damit beeinflusst er junge Menschen in ihren Idealen. So wird unbewusst das Gefühl von jungen Frauen verstärkt nicht hier hin zu gehören: In die großen Hörsäle der Vorlesung Informatik im Maschinenbau.

In diesem Artikel ist wie so häufig das Wichtigste an den Frauen ihr Körper und wie der Mann ihn erobert. Denn was für diesen Autor der ZEIT zählt, sind anscheinend nur die Probleme der Männer.

[1] Cordelia Fine: Die Geschlechterlüge: Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann. 2012

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14 Kommentare zu “Es fehlt uns an Frauen?!

  1. Ich denke man sollte eine Frauenquote in Maschinenbau und anderen Männer-dominierten Studiengängen einführen, um eine Gleichverteilung zu schaffen und besagte Probleme zu lösen.

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    • Das macht einfach keinen Sinn . Die verdammten Quoten sind einfach unsinnig . Es sind weniger Frauen die Ingenieurwesen oder der gleichen studieren, dasselbe gilt aber auch für andere Studiengänge. Frauen die sich durch den Studiengang durchbeißen haben es verdient ihre Belohnung abzuholen und sollen nicht nur wegen der Quote hier sein . Oder darf es den Tanzkurs bald nur noch geben, wenn eine gewisse Anzahl an Männer da sind, damit falls ein Mann dahin geht er nicht auffällt .
      Es werden mehr Frauen die an der RWTH in Bereich der Naturwissenschaften ein Studium absolvieren. Lasst diese ihren Weg gehen und versperrt nicht den Weg für andere durch Quoten . Denn damit gibt man den Klischee nur recht.

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      • Quoten ergeben schon Sinn an gewissen Stellen. Wenn zum Beispiel bei der Einstellung oder bei Beförderungen bestimmte Personengruppen benachteiligt, bzw. bevorzugt, werden. Da kann es durchaus hilfreich sein vorübergehend vorzuschreiben, bei gleicher Qualifikation die sonst benachteiligte Person zu bevorzugen um einen Ausgleich zu schaffen. Denn bei der subjektiven Kompetenzeinschätzung sind häufig Vorurteile im Weg, die aber durch ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis mit der Zeit abgebaut werden können.
        Beim Studium halte ich das allerdings tatsächlich für nicht sinnvoll, weil dort ja keine personellen Entscheidungen getroffen werden, sondern der Zugang tatsächlich rein objektiv durch den NC geschieht. Um diesem Problem beizukommen sehe ich es als einzige Lösung das Problem bei der Wurzel zu packen, zB. Erzieher*innen, Lehrer*innen etc. einen sensibleren Umgang mit Genderthemen beizubringen damit technische und naturwissenschaftliche Interessen der Mädchen dort nicht im Keim erstickt werden und Jungen fürsorgliche Tätigkeiten nicht als unmännlich und minderwertig suggeriert bekommen. Zu dem Thema kann ich sehr „Die Rosa-Hellblau-Falle“ von Schnerring und Verlan ans Herz legen.

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    • Jeder Idiot darf in Aachen Maschinenbau studieren. Im Prinzip braucht man nur eine 2 vorm Komma im Abi um das zu studieren. Was bringt also eine Frauenquote?
      richtig. Nichts!

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  2. Vielen Dank für diesen sehr dringend notwendigen und wichtigen Kommentar! Ich halte den Artikel aus der Zeit auch für eine schlecht geratene Satire, die das Problem vollkommen falsch angeht.

    Ein gut gemeinter Rat für die Zukunft: vermeide doch bitte linguistische Monströsitäten wie „taff“. Ich verstehe, dass Du besonders betonen möchtest, dass Zähigkeit und Härte keine männerspezifischen Eigenschaften darstellen; die ausschließliche Verwendung dieses -zugegebenermaßen häßlichen- Lehnwortes in Bezug auf uns „normale“ Frauen klingt jedoch eher gezwungen.

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  3. Toller Artikel! Als Maschinenbaustudentin kann ich nur applaudieren! 🙂 Habe den Artikel in der Zeit damals auch gelesen und genau dasselbe gedacht. Danke!

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  4. Der Artikel aus der Zeit war tatsächlich einfach eine Aneinanderreihung bekannter Stereotypen und Vorurteile. Ich habe ich auch sehr über ihn geärgert.

    Kannst Du zu der Studie unter den RWTH Studentinnen einen Quelle nennen?

    Zu „erinnert man eine Frau oder ein Mädchen auch nur auf die subtilste Art und Weise daran, dass sie eine Frau ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Fähigkeiten anschließend mathematische Aufgaben zu lösen gehemmt sind, sehr hoch.[1] “
    Ein jeder wird konstant an die Vorurteile erinnert, die über einen in seinen verschiedenen Eigenschaften bestehen. Bin ich Linkshänder, werde ich öfter in das Lager der kreativ-Schaffenden gesteckt. Trage ich eine Brille, bin ich „schlau“. Trage ich ein Karohemd, bin ich Maschinenbauer. Bin ich tattoowiert und männlich, ist tendentiell eher schlecht mit mir Kirschen essen.
    Vorurteile zu haben, ist komplett menschlich und hilfreich. Es ist ein einfacher Weg des menschlichen Gehirns, seinen Gegenüber grob einschätzen zu können. Für den, bei dem die Vorurteile als Assoziationen auftauchen geht es geht nur darum, diese Vorurteile dann auch wieder abzubauen, wenn man sich einen genaueren Eindruck machen konnte.

    Was aber hier mit der Mädchenschule angedeutet wird, ist der Ansatz, für junge Menschen die Konfrontation mit den über die eigene Person existierende Vorurteile zu vermeiden und ein aktives Auseinandersetzen, eine erweiterte Persönlichkeitsbildung, die die gängigen Vorurteile einbezieht, zu verhindern. Dies würde solche Personen zu weniger mündigen Menschen machen.

    Ganz abgesehen davon ist ein solches Vorgehen nicht möglich, da auch bspw die Eltern, ob sie wollen oder nicht, indirekt die Existenz solcher Vorurteile an ihre Kinder weitergeben.

    Leider liegt mir das Buch von Frau Fine nicht vor. Aber ich denke mir: Wenn evtl mal meine Tochter den Wunsch, ein MINT Fach zu studieren, sein lässt oder sich davon abbringen lässt, weil sie „auf subtilste Art und Weise“ daran erinnert wurde, dass sie eine Frau ist, war der Wunsch nicht groß genug. Wenn ein solch leises Windchen den Wunsch umstoßen kann, dann werden es die Herausforderungen im Studium es genauso tun.
    Exakt genauso würde ich im Übrigen bei meinem evtl mal existenten Sohn argumentieren: Wenn er sich davon abbringen lässt, Kindergärtner zu werden, weil jemand ihm gesagt hat, dass er ein Mann ist, können die Zukunftsvorstellungen noch nicht allzu gefestigt sein.

    Als tendentiell eher nicht Betroffener interessieren mich die persönlich erfahrenen Grenzen von Sexismus. Ich habe mir daher von mehreren meiner Kommilitonen ihre Sicht darlegen lassen (anzahlmässig grob eine Handvoll). Die haben als Absolventen eines technischen Studiengangs sicherlich schon einiges erlebt, was nicht sonderlich angenehm war. Allerdings war keine der Meinung, dass Pfeifen sexuelle Belästigung ist. Sicherlich liegt das im Auge desjenigen, der die Erfahrung macht, sprich Person A kann bei gleichen Erfahrungen sich belästigt fühlen, während Person B alles noch harmlos und witzig findet. Wer bin ich, dass ich einer der Beiden ihre persönliche Sicht der Dinge absprechen will? Aber mein Verhalten wird erst dann verwerflich, wenn das Opfer ihr Missfallen zu erkennen gibt (oder wenn mein Verhalten klar sexistisch ist). Bei einem Klaps auf den Hintern muss ich nicht erst den Laut der Missbilligung abwarten, um zu wissen „das war nicht ok“. Beim Hinterherpfeifen ist es jedoch nicht eindeutig! Ein Hinterherpfeifen ist imho nicht per se belästigend und ich sehe meine Meinung durch die offen und nicht suggestiv gestellten Fragen an meine Komilitoninnen gestätigt.

    Eine angemessene Reaktion eines Opfers des Hinterherpfeifens wäre ein „Fick-Dich“ Stinkefinger. Der gibt mit zu Verstehen, dass mein Verhalten nicht angemessen ist. Wer jedoch keine Reaktion zeigt und stattdessen sein Verhalten anpasst, indem er nur noch von oben in den Hörsaal kommt (Sache der Höflichkeit, so denn möglich, siehe z.B. Ro, Gr, AM) oder noch schlimmer, ganz zu Hause bleibt, der macht sich selber schwach.
    Wer grob im studierfähigen Alter ist und dauerhaft nicht in der Lage ist, sich auf „Evtl-Belästigungen“ (also solche, die manche als solche ansehen, die für andere aber als harmlos gesehen werden) zu wehren, dem fehlen imho einige nötige Schritte der Adoleszenz.

    Nebenbemerkung:
    1) Ist die Benutzung von „der“ in „Wer jedoch (..) zeigt und (..) anpasst, indem er (..) bleibt, der macht sich selber schwach. “ schon nicht mehr gendergerechte Sprache?
    2) Ich würde meinen Sohn tatsächlich genau fragen, wie er seine Ausbildung zum Kindergärtner durchführen will, ohne in die Gefahr zu geraten, mit dem Vorwurf der sexuellen Belästigung belangt zu werden. Aber das ist eine andere Geschichte

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    • Hallo Moritz,
      ich bin nicht die Autorin, kann aber zu ein paar Punkten etwas sagen.

      1. Alles was wichtig ist hier zu sehen, ist dass Stereotype einen realen und messbaren Effekt auf unsere Welt haben. Bei der von Fine erwähnten Studie geht es genau um einen solchen messbaren Effekt, der sich real nachteilig für Frauen auswirkt. Es handelt sich nicht um individuelle Probleme, sondern systematische, es sind also nicht die Frauen dafür verantwortlich zu machen. Ich denke, es ist klar: wenn wir Chancengleichheit wollen, müssen wir das eben ausbügeln. Sonst können wir uns nicht hinstellen und so tun, als würde in Deutschland eine Gleichberechtigung von Männern und Frauen existieren. Ist ja logisch! 😉

      2. Du sprichst von einem „leisen Windchen“, und natürlich wäre es als solches zu bewerten, wenn das das einzige wäre. Sexismus ist aber ein sehr komplexes, unsere komplette soziale Erfahrungswelt durchziehendes System. Was hier passiert, ist der berühmte Tod durch tausend Schnitte. Es ist sicherlich keine einzelne Begebenheit alleine, von der deine Tochter verunsichert würde – es ist eine ganze Kette von Dingen. Nimm das gut erforschte Modell der Verhaltenspsychologie her, wie es sich schon mit dem Pawlow’schen Hund erklären lässt: wenn fortwährend bestimmte stereotype Interessen belohnt und nicht-stereotype bestraft werden, so ist das eine gute Erklärung dafür, warum wir in den MINT-Fächern so wenige Frauen haben. Insofern möchte ich dir sehr widersprechen: auch wenn Vorurteile menschlich sein mögen, sind sie keinesfalls gut (das wäre ein naturalistischer Fehlschluss)! Im Gegenteil, sie richten einen messbaren Schaden an unser aller Freiheit an, in diesem Fall an der Freiheit von Frauen, an (gut bezahlte und die Welt prägende) MINT-Berufe zu kommen. Auch die Vorwürfe sexueller Belästigung gegenüber männlichen Kindergärtnern sind so etwas, der Grund warum das weniger thematisiert wird ist lediglich, dass diese Berufsgruppe sehr schlecht bezahlt wird (vermutlich fordert darum auch hier kaum wer eine Männerquote).

      3. Wenn dich das Thema interessiert, so kann ich dir empfehlen dich anstatt mit anekdotischen und einseitig verzerrten Nachforschungen in deinem persönlichen Bereich wirklich mal mit der wissenschaftlichen Perspektive (->gender studies) auseinanderzusetzen. Wenn du deine Komilitoninnen befragst, so hast du nämlich einerseits eine sehr geringe sample size. Vor allem aber hast du einen systematischen Bias, da du ja nur diejenigen befragst, die ihr Studium hier absolvieren – nicht aber diejenigen, die wegen Sexismus eben schon längst auf dem Weg zum Studium (und während des Studiums) aufgegeben haben! Wir Wissenschaftler können hier sofort feststellen, dass diese Messung daher nicht Basis für unsere Meinungsbildung sein darf.

      Also nochmal, du fragst du halt die falschen: diejenigen, denen Pfeifen ernsthaft etwas ausmacht, werden bei dieser gerade in den Ingenieurswissenschaften an der RWTH verbreiteten Unkultur des Pfeifens im Hörsaal ja schon längst reißaus genommen haben. Oder noch da sein, aber vermutlich mit Leuten, die Pfeifen okay finden, nicht befreundet sein. Insofern sind die Aussagen deiner Komillitoninnen für eine gehobene Diskussion des Sachverhalts komplett egal. 😉

      4. Wie grenzt du den Klaps auf den Hintern gegenüber Nachpfeifen ab? Kannst du erklären, wieso das einige natürlich nicht okay ist und das andere schon? Klapse auf den Hintern gefallen einigen Frauen auch. Dass es einigen gefällt und anderen nicht, ist eben NICHT die Begründung, warum du etwas machen darfst. Es geht auch gar nicht um deine Perspektive als Mann, als potenzieller Täter, und was du „darfst“.

      5. Ich finde es blöd von dir, wie du hier einerseits manche Erfahrungen nicht machst, weil du von Sexismus eben nicht betroffen bist – aber dir dann rausnimmst, ein „sich nicht wehren“ als kindisch zu bezeichnen. Hier schaffst du ein Narrativ, in dem DU bestimmst, wie eine Reaktion aussehen sollte, obwohl du dich gar nicht in die Lage der Betroffenen versetzt hast. Die haben nämlich auch wenn sie sich wehren oft genug die Arschkarte, weil z.B. ihr Stinkefinger dann als Grund für weitere Beleidigungen und Belästigungen genommen wird, oder sogar für körperliche Gewalt. Du kannst entsprechend doch nicht erwarten, dass sich Opfer wehren müssen, wenn sie sich damitselbst in Gefahr bringen?!

      Und wenn eine sich wehrt, heißt das dann von anderen wieder „warum warst du so unfreundlich, warum hast du dich gewehrt? Reagiere doch einfach nicht!“. Als Betroffene von Belästigungen bist du immer in der Situation, dass alle Welt dir mitteilt, dass du es anders hättest machen müssen. Du wirst als Frau als mitschuldig gesehen, egal ob du reagierst und dich wehrst oder nicht. Wenn du wirklich an dem Thema interessiert bist, dann versuche dich in diese auswegslose Lage hineinzuversetzen, in der einfach egal was du machst jemand dir sagen wird „your doing it wrong“. Wenn du nicht Teil dieses Problems sein willst, dann denk‘ bitte um und hör damit auf.

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  5. Liebe Natanji,

    mir ist die Auseinandersetzung mit den Vorwürfen des Sexismus an die Gesellschaft wichtig, ich finde es ist es wert, sich damit auseinander zu setzen. Meine Interessen liegen jedoch nicht soweit in dem Bereich, dass ich es in Erwägung ziehen würde, gender studies zu studieren oder mich vollwissenschaftlich damit dem Thema beschäftigen zu wollen. Zusätzlich, und hier beginnt meine persönliche Meinung, leidet der Bereich der gender studies unter der Tatsache, dass sich hier eine ganze Reihe Personen sehr selbstzentriert und nabelschaumäßig mit viel zu abgedrehten Theorien beschäftigen, die mit der Realität nur noch sehr wenig zu tun haben. Wie gesagt – nur meine persönliche Meinung. Aber daher halte ich von den gender studies sehr wenig.

    Auf Grund mangelnder Zeit (schließlich muss ich vollzeit arbeiten) will ich mich auf den Kern der Sache, nämlich die ableitbare Handelsmaxime, konzentrieren:

    Der Kern der Sexismus-Sache ist meiner Meinung nach folgender: Das, was der eine als belästigend empfindet, ist für den anderen vollkommen okay. Was leite ich für mich als jemand, der nicht belästigend wirken möchte, daraus ab? Es gibt theoretisch zwei Möglichkeiten:
    a) Die absolutistische Sicht: Ich verzichte auf alle Handlungsweisen, von denen ich weiss, dass sie irgendwann mal irgendjemandem sauer aufgestoßen sind. Jede Äußerung, jede Verhaltensweise, jede Interaktion, jeder falsche Blick kann mit den „richtigen“ Nebenbedingungen belästigend wirken. Da ich keine Kontrolle darüber habe, wie mein Verhalten beim Empfänger gedeutet werden kann, bleibt mir keine andere Wahl als meine zwischenmenschliche Interaktion auf ein absolutes Minimum zu beschränken. Ich müsste tatsächlich mit einer Binde über den Augen durchs Leben gehen, da jeder Blick – ja jeder Nicht-Blick genauso – als Belästigung gewertet werden kann.
    Klar ist dies ein Gedankengang mit unglaubwürdigem oder besser real nicht durchsetzbaren Ende! Aber es zeigt, worauf die von Dir präsentierte Sicht „Dass es einigen gefällt und anderen nicht, ist eben NICHT die Begründung, warum du etwas machen darfst“ meiner Meinung nach unausweichlich hinführt. Ich sehe eben keine Grenze, was noch akzeptabel ist und was nicht. Daraus folgt für mich, nichts ist mehr okay (oder alles ist okay. Aber ich glaube, das wollen wir beide nicht)
    Aber es gibt ja noch die zweite Möglichkeit:
    b) Die real umsetzbare Sicht: Es handelt sich dann um sexuelle Belästigung, wenn der gesunde Menschenverstand, quasi das Gewissen oder das von mir abgeschätzte allgemeine Urteil sagt „diese Verhaltensweise degradiert diese Person zum sexuellen Objekt“. Darunter fällt der Klaps auf den Hintern. Sicherlich gibt es Frauen, denen das auch von wildfremden Menschen gefällt. Meiner Weltsicht nach ist das jedoch die Ausnahme.
    Es handelt sich außerdem um Belästigung, wenn die Person ihren Unwillen zum Ausdruck bringt. Sobald ich weiss, mein Verhalten ist für die andere Person unangenehm, ist es an mir, dieses Verhalten dieser Person gegenüber einzustellen.

    Für alle anderen denkbaren Verhaltensweisen stelle ich mir die Frage: Woher kann ich wissen, ob eine Verhaltensweise belästigend empfunden wird oder nicht?

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    • 1. Von einer Wissenschaft wenig zu halten, mit der man sich höchstens oberflächlich beschäftigt hat, ist irgendwie n bisschen seltsam und unakademisch, findest du nicht? Mit der exakt gleichen Argumentation könnte ich hingehen und sagen, also ich halte von der Quantenphysik ja nix, der Bereich leider unter der Tatsache, dass sich hier eine ganze Reihe Personen sehr selbstzentriert und nabelschaumäßig mit viel zu abgedrehten Theorien beschäftigen, die mit der Realität nur noch sehr wenig zu tun haben. Merkste selber, nech? 😉

      2. Ich finde, du bringst es ganz gut auf den Punkt: der Grund, warum du den Klaps auf den Hintern sexistisch findest und Hinterherpfeifen nicht, ist rein auf deine subjektive Weltsicht zurückzuführen. Es sind dabei im Ansatz allgemeine moralische Grundsätze erkennbar, wie dass du nichts tun möchtest, wogegen sich eine Person bereits ausgesprochen hat. Aber grundsätzlich siehst du ja: Menschen haben verschiedene Bedürfnisse und Eigenheiten. Damit, dass verschiedene Menschen verschieden reagieren, bist du zunächst einmal überfordert.

      Ich habe drei Denkanstöße für dich.
      a) Ein Großteil der RWTH-Studentinnen erlebt Pfeifen und Anstarren als sexuelle Belästigung. Das geht sehr konkret aus einer Studie von 2012 hervor: https://www.rwth-aachen.de/global/show_document.asp?id=aaaaaaaaaaasdai&download=1 Auf Basis dessen könntest du anhand deiner moralischen Grundsätze überdenken, denn es geht ja bewiesenermaßen nicht wie in deinem Fall a) beschrieben um die Eigenheit von einigen wenigen Studentinnen, sondern es ist das am allerhäufigsten genannte Problem mit sexueller Belästigung an der RWTH.

      b) Du hast deine Komillitoninen gefragt, ob sie Pfeifen *stört* – ok, tut es vielleicht nicht (oder aber sie sagen es dir nicht, weil sie nicht als verklemmt gelten wollen? Mhh.). Nehmen wir das mal an. Aber hast du sie mal gefragt, ob sie finden, dass Pfeifen eine wichtige Sache ist, etwas was vermutlich den meisten Frauen gefällt? Hast du DICH das mal gefragt? Ich denke, die Antwort lautet doch relativ klar „nein“. Und dann bleibt die Frage: warum sollten Menschen es dann tun? Es ist ja nichts, was in den meisten Fällen dazu beiträgt, Freude und positive Gefühle für die Betroffenen zu verbreiten. Warum findest du Pfeifen gut? Weil du und deine Freunde Spaß daran haben, andere im Hörsaal bloßzustellen? Weil du es magst, verunsicherte Reaktionen von Frauen zu sehen? Ich will dir nichts davon unterstellen, aber ich finde darüber nachzudenken, warum du nicht einfach aufs Pfeifen verzichten kannst, könnte sich lohnen.

      c) Es hilft sehr, eine nuanciertere und weniger absolutistische Weltsicht zu haben. Aus deiner Argumentation geht hervor, dass du dir eine Art feste Regel wünschst, also entweder musst du auf alles mögliche acht geben und „darfst“ gar nix mehr; und weil das ja nicht sein kann (da stimme ich überein), forderst du ein, dass deine Einstellung bzw. dein Verhalten ja okay sein muss.

      Damit habe ich mehrere Probleme. Erstens übertreibst du: wir reden hier ganz konkret vom Pfeifen, und du machst ein allgemeines Ding draus und tust so, als wenn man gar nix mehr dürfte. Ein Leben ohne ein einziges Mal einem Menschen hinterherzupfeifen ist super lebbar, ohne dabei irgendetwas zu verpassen – da kann ich aus Erfahrung sprechen. 😉 Nothing of value is lost here. Also stell’s nicht als so ne große Sache dar, halt nicht zu pfeifen.

      Zweitens forderst du hier das Privileg ein, dass für dich ja schon vorher erkennbar sein muss, ob eine Handlung „richtig“ oder „falsch“ ist. Weder du noch andere Menschen sind aber deterministische Maschinen, darum ist das eine sehr unsinnige Annahme. Besonders wenn du mit vielen fremden Menschen umgehst, kannst du andere Menschen verletzen, wenn du nicht vorsichtig und höflich bist. Wenn du riskante, übergriffige Aktionen startest, wozu Pfeifen halt definitiv zählt (siehe Punkt a), dann kann’s halt kacke sein, dann nimmst du halt inkauf, dass du moralisch verwerflich gehandelt hast, wenn dein Gegenüber sich davon belästigt fühlt. Tough shit.

      Weißt du, was weiterhilft? Empathie. Ein empathischer Umgang bedeutet, dass du vorsichtig mit anderen Menschen umgehst und sie z.B. immer erst etwas näher kennen lernst, bevor du sexuelle Anspielungen mit ihnen machst (wozu Pfeifen ja zweifellos zählt). So kannst du besser einschätzen, ob das für diese Person in Ordnung ist. Natürlich kann auch hier passieren, dass du etwas falsch eingeschätzt hast. Dann hilft es, nicht defensiv dein Recht auf eine für dein Gegenüber verletzende Aussage zu verteidigen, sondern dich zu entschuldigen. Ich weiß, wir lernen fortwährend, uns irgendwie aus der Verantwortung zu ziehen – aber mal ehrlich, wenn du jemandem aus versehen auf den Fuß trittst und er sagt „aua, das tat weh“, dann entschuldigst du dich doch auch. Warum also nicht, wenn du jemandem emotional weh getan hast, halt nicht wusstest dass da nen wunder Punkt ist (->passiert aus versehen)? Du bist ja trotzdem zu 100% dafür verantwortlich.

      Denn was auch unrealistisch ist, ist dass Menschen dauernd mit einer Liste an Dingen herumlaufen und sie in die Welt posaunen, was für sie nicht okay ist. Oder dass Menschen, die sensibler sind einfach hinnehmen müssen, wie ihre Grenzen dauernd überschritten werden. Das ist leider deutllich näher an der Realität, die wir haben, als deine Vision einer Welt des absoluten Verzichts auf Interaktion. Alle diese Welten sind scheiße. You can make a difference.

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      • Mir fehlt leider die Zeit, um diese Diskussion sachlich-konstruktiv auf schriftlicher Ebene weiter zu führen. Solltest du aber dazu bereit sein, sie persönlich fort zu setzen, fänd ich das glaub ich ziemlich gut.

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      • „Es gibt eine einzige feministische Flirtregel, die man sich im Übrigen sehr leicht merken kann, und die lautet: Sei kein Arschloch. Fertig. That’s it. Unisex übrigens. One size fits all. So praktisch. Der Rest ist ein bisschen gesunder Menschenverstand, Anarchie und Liebe, und das ist genau so schön, wie es klingt.“
        Ich empfehle diesen Artikel für eine etwas kürzere und lustigere Version:
        http://taz.de/Kolumne-Luft-und-Liebe/!5219576/

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  6. Verstehe gar nicht, wieso sich hier alle so aufregen. Der Zeit-Artikel war doch super. Hab in den letzten 5 Jahren auch keinen Kontakt mehr zu einer Frau gehabt. 😀
    Das liegt aber nicht an irgendwelcher Belästigung, sondern einfach nur daran, dass die meisten Frauen eben von sich aus kein Interesse haben und ihnen vielleicht auch das Verständnis für solche Sachen fehlt.
    Die gehen alle viel lieber in so komische Tanzkurse rein, wo dann zu irgendwelcher Musik immer wieder die gleichen Bewegungsabläufe durchgeführt werden müssen. Dabei hätte doch gerade bei dieser Aufgabe eine simple for-Schleife ihr volles Potential entfalten können.^^
    Schade!

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